Rey Chow (Durham, NC), The Question of Sound and "Hiroshima mon amour"
This lecture explores the conceptual and ideological ramifications of sound as a medial object, paying special attention to the conundrums sound poses to "documentary," understood here in the broad sense of a realist or non-fictional recording. With reference to Alain Resnais's avant-garde film classic, "Hiroshima mon amour" (1959), which its scriptwriter Marguerite Duras described as a "false documentary," the lecture will show how sound, perhaps more so than the image, is the place where some of the most fundamental aesthetic and ethical issues emerge in the postwar global context, when representation must increasingly traverse national, ethnic, and linguistic boundaries.

Max Jorge Hinderer Cruz (Berlin), Pharmacologies of Enlightenment - Die internationale Arbeitsteilung und die sogenannte Aufteilung des Sinnlichen

Die Figur der "Aufteilung des Sinnlichen", verstanden als eine Anordnung der Wahrnehmung, zieht sich spätestens seit der Aufklärung in vielfältigen Variationen durch den philosophischen Diskurs Mitteleuropas. Aus einer (post-)marxistischen Perspektive wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Figur einer Programmierung und Fragmentierung der Körper, der Begehren und der Wahrnehmung für Denker wie Michel Foucault, Gilles Deleuze und Félix Guattari zur Grundlage dessen, was sie als "Bio-Macht" oder "Mikropolitik" theoretisch zu ergründen versuchten. Guattari kommt dabei das Verdienst zu, als erster die Aufteilung, sprich die Fragmentierung der Körper, Begehren und Wahrnehmungen mit dem Phänomen der Globalisierung zusammenzudenken, denn zusätzlich zur internationalen Arbeitsteilung findet im zeitgenössischen Kapitalismus für Guattari auch eine Globalisierung der Körper und der Sinnlichkeit statt.

In Anlehnung an Guattaris Gegenwartsdiagnose von 1980 soll der Vortrag zu den historischen Kontexten der ästhetischen Theorien der Aufklärung und der bürgerlichen Emanzipation in Mitteleuropa zurückführen. Dabei soll der Fokus auf diejenigen globalen Zusammenhänge gelegt werden, die die Sinnlichkeit der bürgerlichen Emanzipation mit der Kolonialökonomie, der Entstehung neuer Kolonialwaren im 18. Jahrhundert, der afrikanischen Diaspora und der unwiderbringlichen Zerstörung der mittel- und südamerikanischen Wälder verbinden. 

 

Erhard Schüttpelz (Siegen), Koloniale und postkoloniale Trancemedien

Die Kategorisierung von Trancemedien und ihrer Verbindung mit Neuen Medien ging durch drei Phasen. Bis zur imperialistischen Schließung gegen Ende des 19. Jahrhunderts gab es (zuerst) das Versprechen einer universalen Disposition zur Trancemedialität, das auch in seiner Verbindung mit der Erfindung neuer Medien vom Mesmerismus bis zum Spiritismus reichte und durch seine Praktiken Kolonien, Provinzen und Metropolen miteinander vernetzen konnte. Dann wurden sowohl die Kategorisierungen von Trancemedien als auch ihre Interferenz mit technischen Medien einer evolutionistischen Zeitordnung unterworfen, die nur noch einer professionellen wissenschaftlichen und künstlerischen Rahmung von Trancemedien Modernität zusprach und diese Modernität den kolonialen Trancemedien im Gegenzug rundum absprach. Seit einigen Jahrzehnten bewegen wir uns in einer neuen und in mehrerer Hinsicht postkolonialen Periode: Die Interferenzen zwischen Trancemedien und technischen Medien sind seit zwanzig Jahren weltweit explodiert, und die Fragen des früheren 19. Jahrhunderts (vor seiner imperialistischen Schließung) sind wieder aktuell und prallen im Inland wie im Ausland auf die wissenschaftlichen, künstlerischen und religiösen Institutionen, die um 1900 stabilisiert und seitdem weltweit verbreitet worden sind. Der Vortrag wird einen kurzen Ausblick auf diesen historischen Zyklus werfen.

 

Sven Werkmeister (Bogota), Die alphabetische Schrift als koloniales Medium. Zu einer Schlüsselfrage kolonialer und postkolonialer Literaturen
Das Anliegen des Beitrags ist es, einen in der postkolonialen Literaturwissenschaft bisher wenig berücksichtigten Aspekt zu beleuchten. Es geht um die mediale Dimension kolonialer und postkolonialer Literatur, d.h. genauer um die alphabetische Schrift als zentrales Charakteristikum und Voraussetzung europäischer Textproduktion. Die Alphabetschrift ist nicht nur mediales Spezifikum europäischer Literatur, sie ist zugleich ein kulturelles Spezifikum. Die alphabetische Schrift als Bedingung und Voraussetzung europäischer Literatur ist mithin keine indifferente Nebenerscheinung kolonialer oder postkolonialer Textproduktion, sondern stellt – so die These – vielmehr ein eigens in den Blick zu nehmendes und auf seine Implikationen zu befragendes Problem für die (post-)koloniale Literatur und eine postkoloniale Literaturwissenschaft dar. Die Verbindung von medientheoretischen und postkolonialen Fragestellungen eröffnet gerade für die literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Literatur der Moderne im Kontext des europäischen Kolonialismus und seiner postkolonialen Reflexion neue Perspektiven.

 

Paul Bowman (Cardiff), Universalism and Particularism in Mediatized Martial Arts

This paper exposes the main contours and landmarks of historical popular cultural discourses about martial arts to the questions posed by this workshop; specifically: (1) universalism and particularism in (2) media representations (and embodied practices) of (3) “postcolonial” martial arts. Specifically, it will contrast the initial media “discovery” of particular (East Asian) martial arts (from the 1960s on, when “everybody was kung fu fighting”) to contemporary discourses, which emphasise the supposedly transcultural or universal character of “rational”, “logical” or “scientific” martial arts (as exemplified by the choreography of the “special forces” fighting style of Jason Bourne in the recent Bourne Identity trilogy). It does so in order to consider the significance of the fact that contemporary representations of supposedly rational, logical, natural or scientific “special forces” fighting are overwhelmingly reliant upon the extant post-colonial forms of the Filipino martial art of escrima (aka: eskrima, kali, arnis). The questions to be addressed are those of the cultural significance of this new discursive conjuncture, dominated by these types of media appropriations, in which cultural particularities are represented as universals in a process which at once relies upon but disavows, centres upon yet marginalizes, and foregrounds whilst erasing a postcolonial specificity in the name of a supposed universality that is nevertheless a depiction of US superiority.

Ruth Mayer (Hannover), Partikulare Universalität: Ikonen, Module, Serien
In diesem Vortrag geht es um die ideologische Wirkmacht ikonischer populärkultureller Figuren, deren serielle Dynamik die Begrifflichkeit von Partikularismus und Universalismus zu sprengen scheint. Die erfolgreichsten seriellen Figuren der westlichen Welt – von Dracula über Sherlock Holmes zu Tarzan und Fu Manchu oder Fantomas – etablierten sich um die Wende zum 20. Jahrhundert zunächst literarisch und wurden dann viral, indem sie auf andere Medien übersprangen, mutierten und proliferierten. Gegenstand und Nährboden der Ausgangstexte ist die imperialistische Weltordnung mit ihren medialen und konsumgenerierenden Apparaturen. Die seriellen Figuren präsentieren sich als partikular – als ikonische Erscheinungen mit hohem Wiedererkennungswert; unvergleichlich, einzigartig, 'one of a kind'. Aber sie funktionieren als universell einsetzbare Module in einer globalen Ordnung, als Versatzstücke einer serialisierten Moderne. Der Vortrag plant dieses populärkulturelle Prinzip theoretisch zu bestimmen und kurz beispielhaft anhand der ineinandergreifenden transnationalen Karrieren der Figuren Sherlock Holmes und Fu Manchu zu reflektieren.

Elahe Hashemi Yekani (Innsbruck), Das Spektakel des ‚Selbst‘: Britische Kolonialfotografie zwischen universalen Gesten und partikularem Scheitern
Der Konnex von Universalitätsanspruch und Männlichkeit ist zentral für westliche Geschlechternormen. Nach wie vor wird von der Männlichkeit als etwas zugleich paradox Singularem/Partikularem und überhöht Universalmenschlichem gesprochen. Der Diskurs der „Krise der Männlichkeit“ fungiert hierbei inzwischen als Konglomerat von Diagnosen einer Destabilisierung jener männlichen Hegemonie wie auch konservativer Restaurationsphantasien. Dabei wird diese Krise im Spannungsverhältnis von Selbst und Anderem verortet und auch als Frage nach der Partikularität von hegemonialen Geschlechternormen verhandelt. Zugespitzt lässt sich fragen, wie und ob männliche Hegemonie überhaupt abgebildet werden kann. Das Medium Fotografie macht deutlich, wie das Ideal hegemonialer Männlichkeit in dieser Ambivalenz des Stillgestellten, des Dagewesenen und des nie zu Erfüllenden oszilliert. Im Kontext von Kolonialfotografie wird das eigene Bild als erfolgreicher Jäger Gegenstand des kolonialen Begehrens. Damit ist die Figuration hegemonialer Männlichkeit in Gestalt des Großwildjägers, in ihrer Abhängigkeit von der Dokumentation im Medium Fotografie oder dem toten Tierkörper als Jagdtrophäe, immer bereits ein abgebildeter und inszenierter Körper. Die koloniale Pose dient dabei dem Versuch, sich als das spektakuläre Zentrum eines Bildes zu inszenieren. Andererseits liegt in dieser Inszenierung – wie im performativen Herstellungsprozess von jeher – auch immer ein Moment des Scheiterns. Die britische Herrschaft über Indien, die Raj, ist gerade im theatralen Modus der Kolonialfotografie und trotz Gesten der „universalen Herrschaft“ auch immer ein Zeichen des partikularen Scheiterns: zum Zeitpunkt ihrer Entstehung bereits die Dokumentation von Gewesenem. Diesen Ambivalenzen soll in dem Beitrag, der postkoloniale Männlichkeitsforschung und eine medientheoretische Befragung der Fotografie zu verbinden sucht, nachgegangen werden.

Maja Figge (Oldenburg), Abstraktion und Orientalismus – Fritz Langs Indienfilme im Kontext transnationaler Filmbeziehungen
Eine „Tendenz zur Abstraktion“, „wahres Kino“, „reines Spektakel“ schrieben die Kritiker der Cahiers du Cinéma über Fritz Langs Remake Der Tiger von Eschnapur und Das indische Grabmal (1958/59); für Godard waren sie gar der Höhepunkt des damaligen Kinos. In der BRD protestierten indische Studierende gegen die Filme, da sie das unabhängige Indien angegriffen sahen. Die westdeutsche Presse teilte diese Auffassung und verriss, das Ansehen der BRD im Blick, die orientalistischen Monumentalfilme als blasphemisch und schamlos. Die Debatte wirft nicht nur die Frage nach dem Zusammenhang von Abstraktion und Orientalismus auf, sondern auch nach dem Spannungsfeld zwischen einer universal gedachten Filmästhetik und partikularen politischen Interessen in den 1950er Jahren. In meinem Vortrag stelle ich Langs Filme in den Kontext weiterer europäischer Indienfilme (The River, India - Matri Bhumi) die nicht nur durch Faszination, sondern auch von Kooperation gekennzeichnet sind. Nimmt man die Beziehungen innerhalb des transnationalen Filmschaffens zwischen Europa und Indien ernst, wie ist aus einer solchen Perspektive der Fokus auf Indien bei der Suche nach ‚neuen’ Filmformen zu verstehen?

Nicole Wolf (London), Das Partikulare und das Affilierte in Praxis und Form: Gedanken ausgehend von feministischer Fim- und Video-Arbeit in Indien
Anhand ausgewählter Beispiele feministischer Film- und Videoarbeiten des indischen Kontexts versuche ich in diesem Beitrag, das Verhältnis von Video und widerständiger Politik zu befragen. Vier Bereiche spielen hierbei eine Rolle: Das Verhältnis von Video und feministischen Rechtsdiskursen, Video als Medium in nationaler und internationaler Entwicklungspolitik, darauf aufbauend aktuell im Reality-TV-Kontext, und nicht Video als anfängliches Luxusmedium im Kunstbereich. Diese Bereiche scheinen auf eine non-lineare Entwicklung des Mediums zu verweisen, innerhalb derer sich eine neue audio-visuelle Technologie nicht per se als Auslöser eines neuen ästhetischen und politischen Genres erweist. Wie verhält sich diese situierte, historiografische Analyse zu einer europäischen/nordamerikanischen Geschichtsschreibung von Video, die dieses entweder als demokratisierendes Medium oder für aktivistische Kontexte oder, drittens, als bildexperimentelle Videokunst verhandelt? Wie können eine geopolitische Vervielfältigung akzentuiert und gleichzeitig Möglichkeiten politischer und ästhetischer Affinität betont oder gesucht werden? Wie kann das Erbe des Dritten und Militanten Kinos aktiviert werden, das filmpolitische Verbindungen zwischen diversen anti-imperialistischen Diskursen hervorbrachte?

Susan Kamel (Berlin), Vorsicht: Frisch gestrichen! Museen islamischer Kunst zwischen postkolonialer Kritik und Orientalismus
Weltweit boomen Neugründungen bzw. Neuaufstellungen von Museen islamischer Kunst. Dieser Vortrag stellt die Frage, ob in den neuen Ausstellungen in New York, Paris, Doha, Kairo und Berlin neue postkoloniale Repräsentationsformen Anwendung finden oder alte hierarchisierende Blickkulturen nur im neuen Glanz erscheinen. Das hieße auch, danach zu suchen, wo weiterhin universalisierende Formen und Inhalte das Museum bestimmen, um der vermeintlichen Unmittelbarkeit des White Cube Rechnung zu tragen. Dabei soll insbesondere die Ausstellungsgeschichte des Berliner Museums in fünf Etappen (1904, 1932, 1961, 2001, 2019) illustrieren, welche Aufgaben ein Museum als Kultraum der Ästhetik hatte bzw. als inklusives Museum haben könnte. Hierbei wird die These verfolgt, dass das Konzept einer “islamischen Kunst” Kunstgeschichte auf Religionsgeschichte verengt und so einer Wissenschaft im Weg steht, die nach den verwobenen Kulturgeschichten und hidden histories sucht.

Johannes Ismaiel-Wendt (Hildesheim), tracks'n'treks. Delinking AfricC Soundlecture
Der Musiker und Kulturwissenschaftler Johannes Ismaiel-Wendt baut einen 30 Jahre alten Yamaha Drum Computer und einige Effektgeräte als Repräsentationskritik-Maschine auf. Er dekonstruiert in einem live Mix mit Vortrag exemplarisch Presets über Ethnizität, Rasse und Geschlecht in Klanggeneratoren sowie Köpfen. Wider den kolonialen Exzess der Kategorisierung zielt sein permanentes Spiel mit Beats, Sounds und Metaphern auf De-Naturalisierung. In seiner Soundlecture stellt er zeitgenössische Musikästhetik und das Denken in tracks als popmusikalische alternative Kulturkonzeption vor.

Henriette Gunkel (Bayreuth), “We've been to the moon and back” – das afrofuturistische Partikulare im universalisierten Imaginären
Die Geschichte des Films lässt sich auch über die Reise zum Mond erzählen. So ist Georges Meliès bereits 1902, in einem der ersten Kinofilme überhaupt, begleitet von Magie und Wissenschaft, zum Mond unterwegs. Andere tun es ihm gleich, oft mit wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Interessen im Gepäck. Durch diese Erweiterung von nationalen und kapitalistischen Grenz- und Erfahrungsräumen und dem fast zwangläufigen Aufeinandertreffen mit anderen, oft als bedrohlich wahrgenommen und inszenierten Lebewesen entwickeln diese Weltallszenarien das globale Kino immer auch in einen kolonialen Imaginations- und Sprachraum hinein (alternativ in einen des Kalten Krieges).
In diesem Vortrag geht es um alternative, partikulare Narrative und deren Konzeptualisierung von Zeit und Raum, konkret um die chronopolitischen Interventionen von Afrofuturismus und Black Science Fiction – eine Intervention, die ohne Musik und Film nicht zu denken ist. Anhand von einigen Beispielen von afrikanischen Künstler_innen, die mit Science Fiction arbeiten und/oder sich als explizit afrofuturistisch verstehen, werde ich aufzeigen, inwiefern Afrofuturismus mit Science Fiction eine Anti-Geschichte entwirft, gegen den Universalismus der Herkunft und der Routen, mit Rückbezug auf die Geschichte der Sklaverei und damit der Middle Passage als formierender Erfahrung.

Ulfried Reichardt (Mannheim), Individualismus und kollektive Formen in globalen Medienwelten: Repräsentationen / Kategorien / Konzeptionen
In einer postkolonialen, sich zunehmend globalisierenden Welt hat sich eine Pluralität von Formen des Wissens gebildet, die auch entgegengesetzte oder zumindest heterogene Hintergrundannahmen zulässt und mit einander in Beziehung setzt. Eine der zentralen Formationen der westlichen Kulturen ist diejenige des Individuums als Agent wie auch als Bezugspunkt des Wissens. Im Verlaufe der europäischen Kolonialgeschichte, jedoch besonders der Globalisierung der letzten Jahrzehnte hat sich eine starke Form des Individualismus, die in Europa entstanden ist, sich in ihrer aktuellen Version jedoch vor allem aus dem historischen Entwicklungsprozess der USA heraus verstehen lässt, weltweit verbreitet. In Zusammenhang mit Populär- und Konsumkultur wie auch politischen und rechtlichen Strukturen werden so Denk- und Handlungsmuster globalisiert, die eine starke Form des unabhängigen Individuums privilegieren. Gleichzeitig treffen diese auf kommunale, oft kollektive und vor allem vernetzte Formen des Subjekts, so dass in „postkolonialen“ Medienwelten ein ganzes Spektrum neuer Hybridformen existiert. Entscheidend dabei ist, dass dies auch die Seite des „Beobachters“, dessen Konzepte bzw. „Werkzeuge“ und damit auch die Medientheorie selbst betrifft. Ich werde die Ausbildung des individuumorientierten Blickwinkels in historischer Perspektive skizzieren und anhand einiger Beispiele aus Kunst, Literatur und Musik sowie Theorie darstellen. Als konkretes Beispiel werde ich den indischen Film Bride and Prejudice (Regie: Gurinder Chadha, 2004) mit Blick auf Jane Austens Roman Pride and Prejudice (1813) einerseits und Alejandro González Inárritu’s Film Babel (2006) andererseits genauer untersuchen.

Karin Harrasser (Linz), Seltsame Anschlüsse. Wissensmilieus einer Kosmopolitik 
Von Isabelle Stengers Vorschlag einer Kosmopolitik gehen Provokationen aus: Kann man wirklich wissenschaftliche Laborpraktiken mit Besessenheitskulten in Nordafrika in Verbindung bringen, indem man sie beide als "lokal" beschreibt? Ist das energetische Milieu eines Neutrinos auf der gleichen Ebene anzusiedeln wie Umweltbeziehungen, die eine überschwemmungskatastrophe auslösen? Wenn alles, was getan und gedacht wird, einer Ökologie der Praktiken unterworfen ist, wie lässt sich dann ein Unterscheidungsvermögen kultivieren, das historische Machtgefälle und Hierarchisierungen in Wissenskonstellation thematisiert? Stengers Anwaltschaft für die fundamentale Unbegründbarkeit aller Wissensformen, für das Spekulative und Situierte möchte ich als Ausgangspunkt nehmen, um danach zu fragen, wie eine antikoloniale Analyse von Wissenspraktiken und ihren Medien aussehen könnte.

Maurice C. Takor Pülm, Lukas Koczor (Braunschweig): Bericht einer Reise nach Kamerun
Maurice C. Takor Pülm: Ich sammle Objekte auf meinem Dachboden, um sie für Projekte zu verwenden. Ich fühle mich unwohl, weil diese Objekte keinen direkten Nutzen haben. Ich hatte während der Zeit am Anfang meines Kunststudiums eine Fülle von gedanklichen Ansätzen, aber keine Kraft, die diese zu Genüge umsetzten konnte. Was auf Gutdeutsch heißt, ich bin nicht aus dem Saft gekommen.

Die Lösung lag für mich darin, während des Rundgangs mein gesamtes Eigentum zum Verkauf anzubieten und von dem Erlös nach Kamerun zu fliegen. über 6 Tage und Nächte habe ich in meinem selbstgebauten Verschlag um meine liebsten Dinge verhandelt und von meinen liebsten Gedanken gesprochen. Denn:

Ich habe seit Beginn meines Studiums Kontakt zu meinem in Kamerun lebenden Vater, allerdings nur per e-mail. Als ich eines Nachmittags bei meinem Halbbruder, dem jüngeren in Braunschweig lebenden Sohn meines Vaters zu Besuch war, erwähnte ich gegenüber seiner Mutter eher beiläufig, ich hätte ihn in meinem Leben weder persönlich getroffen noch mit ihm gesprochen. Da nahm sie das Telefon in die Hand und sagte: "Dann rufen wir ihn direkt an!" Fassungslos stimmte ich ihr zu und befand mich wenig später im Gespräch mit meinem leiblichen Vater.

Ein fremder Mann mit einer vertrauten tiefen Stimme, der mir in bestem Deutsch sagt, wie sehr er sich freue, mich zu hören und mit mir zu sprechen.

Am Ende eines holprigen Gesprächs wurde mir bewusst, dass dies das erste Gespräch mit meinem Vater war und somit - egal was in den vorausgegangenen 22 Jahren dazu geführt hatte - einen Neuanfang zu bedeuten hatte.

Eine Revolution… Ich sagte diesem Unbekannten, dass ich ihn liebe.

Das hatte ich verdient und auch die alte Stimme.

 

 

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Ulrike Bergermann